Donnerstag, 11. Juli 2013

Von TheManWithaHorn zu florianpopp.de

Der Mann mit dem Horn tutet schon länger aus dem letzten Loch, und da er seit geraumer Zeit ohnehin mehr schreibt als anderes, ist er nun ziemlich endgültig umgezogen:

Unter florianpopp.de geht es weiter - wie es so schön heißt: Und nun zu etwas völlig anderem.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Fern wie die Zeit - nah übers Netz

Fern wie die Zeit ist endlich erhältlich - als Ebook auf Amazon.de für den Kindle und Kindle-Reader-Apps.
 


Die offizielle Autoren-Seite gibt es hier, und die Leseprobe hier.



Klappentext:
Ein desillusionierter Detektiv mit einer Leiche im Keller greift nach dem letzten Strohhalm und übernimmt für viel Geld die Suche nach einem verschwundenen Künstler. Die Spur führt ihn ans Ende der Welt, wo er auf ein zeitloses Geheimnis stößt, und er erfährt schnell, dass manche töten würden, um es zu bewahren oder in die Hände zu bekommen.

Mittwoch, 6. Juni 2012

The American Dream, revisited

Wisconsin has voted: the Repub retard Walker stays onboard as governor of that lost state. Martin Klingst over at Zeit online tries to analyze this fact and to construct some case out of it. Obama should be afraid, he tells us, Republicans are coming for him now, ohoho! But his analysis is wrong. It's wrong in every conceivable way. There's nothing to fear, at least not for Obama, at lest not at the time being. We should be afraid, oh yeah. But the Killer In Chief's days are not yet over, far from it.

Here's what the Wisconsin recall-election tells us: Obama's a creature of the ruling capitalists. Walker is a creature of the ruling capitalists. Obama's office isn't endangered by the affirmation of Walker, and the Repubs are no danger to Obama as well, as long as he continues to do the bidding of his overlords in the shadows.

The only thing that Wisconsin tells us is that the general populace (at least of Wisconsin, in all likelihood of the entire United States) is so dumbed-down by corporate media nonsense by now that they vote against their own best interests. Tell you what, it's indeed no surprise at all, they did that every four years already all the way from the 2000 election. What you say? That one was stolen? Who cares - the capitalists' pet dog won, so everything came out right, and the capitalists' pet dog now has won again and is allowed to remain governor of Wisconsin, and the capitalists' pet dog will win a third time, and will keep the office of President of the United States. It's as easy as that.

So, don't try to find any more meaning than there is. We're fucked. Someone else rules. It ain't no secret anymore. It's a big club and you ain't in it. Good night and good luck.

Dienstag, 29. Mai 2012

Hure(n) des Kapitals

Die ZEIT fragt allen Ernstes Martin Zielke, seines Zeichens Vorstand der Commerzbank, warum er gegen die sogenannten Euro-Bonds ist. Dann kann man auch gleich die Huren fragen, warum sie für käuflichen Sex sind.

Dienstag, 8. Mai 2012

Changing the World

Good and bad news: 

The bad: changing the world will require about 7 billion different decisions to be made.

The good: for everyone of us, it will be just one.

Sonntag, 6. Mai 2012

Zombieland

Der Zustand unserer Welt war kein Wunder, nicht einmal ein Rätsel:

Was wir heute waren: Zombies, Un-Tote im besten Sinne, da wir zwar nicht nicht tot, noch lange aber auch nicht ganz lebendig waren, und wir wurden nur getrieben von einem einzigen, irrationalen Verlangen. Wie der Zombie des Films sich nach einer, und nur einer Sache verzehrte, Menschenfleisch nämlich, so strebten auch wir Zombies der Realität, unserer Realität, nur nach einer einzigen Sache: nach Geld.

Der verdammte Zombie des Filmes war sich nicht über seinen Zustand bewusst, nicht befähigt, über seine Gier nach Fleisch und sein daraus folgendes Handeln zu reflektieren. Noch ein Zustand, den wir bei uns selbst wiederfanden: Auch wir reflektierten nicht über den Sinn der Jagd nach dem Geld, den Sinn der Jagd nach dem Immer-Mehr, sondern wir akzeptierten es, wie es war, weil es eben so war und immer schon so gewesen sei. Und wenn wir dabei diese Welt zerstörten, und wenn Tausende und Millionen unserer Mitmenschen darunter litten, verkrüppelt wurden, vor die Hunde gingen – „Es geht hier um Geld, da können wir nichts machen. Das Gesetz des Marktes, Sie verstehen.“

Der Zombie des Films war mitleidlos, einfach, weil seine Gier nach Menschenfleisch kein Mitleid zuließ. Wir waren mitleidlos, denn unsere Gier nach Geld machte dasselbe mit uns. Wir waren keine ganzen, bewussten, vollständigen Menschen, sondern allzu oft nur halb-bewusste, geifernde Bestien, denen auf der Jagd nach ihrem irrationalen Fetisch, dem „Geld“, alles andere egal war.

Es ist ein gottverdammt-verschissenes ZOMBIELAND da draußen!

Dienstag, 6. März 2012

Shaken, Not Stirred

Nein, nicht von mir gemixt, nur getrunken.
Goddammit. Ich schüttelte meine Martinis, seit ich sie überhaupt mixen konnte, und im althergebrachten Mischungsverhältnis von fünf zu eins, gerne mit Gordon's, ebenso gerne mit Finsbury, Platinum aber in diesem Fall, denn der "normale" Finsbury war eher ein Kandidat für eine schnelle Waschung mit Tonic. Tanqueray würde ich nehmen, wenn ich ihn geschenkt bekäme (der Preis), Hendricks hatte mich noch nie überzeugt, und Bombay Saphire war, auch wenn eine Literfalsche von dem Zeugs in einer dunklen Ecke auf ihren großen Tag wartete, einfach zu blumig, um einen anständigen Martini zu ergeben - ich wollte einen Drink und kein florales Arrangement. Anyway.


Heute jedenfalls rührte ich das verdammte Ding, aus einer Laune heraus, und nachdem ich bereits einen geschüttelten dem Organismus zugeführt hatte. Und was sollte ich sagen: Das Ergebnis war ein anderes, tatsächlich gar grundlegend anders. Ich war mir noch nicht sicher, ob das eine gute Sache war. Wo der geschüttelte Martini crisp war, ein bisschen perlend vielleicht sogar, war der gerührte, wenn man ihn richtig rührte und nicht einer von den Schnarchnasen war, die am Wermut sparten, war der gerührte also smooth, mehr aus einem Guss, natürlich damit auch weniger an- und aufregend, aber dennoch, irgendwie... 
Fest stand, dass ich das Experiment wiederholen musste. Blindverkosten vielleicht noch. Wissenschaft, wie sie im Buche stand. Mannomann. Was man noch entdecken konnte.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate!

Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate!Nel mezzo del cammin di nostra vita / mi ritrovai per una selva oscura, / ché la diritta via era smarrita. / Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate!
Das war so ungefähr der Geisteszustand, in dem ich mich befand. Überall um mich herum konnte ich den langsamen, begonnenen Zusammenbruch einer Zivilisation beobachten. Wir hatten noch ein gutes Stück Weg zu gehen, sicher. Aber es war alles bereits angelegt, und es gab kaum einen Ansatz, den lange schon laufenden Prozess noch rechtzeitig umzukehren. Das Gesellschaftssystem, nach dem wir lebten, und zu dem wir uns keine Alternative vorstellen konnten, war von vorne bis hinten falsch angelegt: seine Werte, seine Ziele, seine Medien, seine Mittel – alles war keinen Schuss Pulver wert. Wir selbst waren durch und durch nach diesem System geformt, und so waren wir selbst größtenteils auch keinen Schuss Pulver wert. Wir waren angstzerfressene, ideenlose, leere Hüllen, die alle nur nach einem strebten, nach jenem einen, magischen Medium, das die Welt verhieß und doch nichts anderes war als der Urgrund für ihre Zerstörung: Geld. 

Solange Geld unser heiligster Wert war, solange würden wir sterben. Aber wie hatten keine Idee, was an des Geldes Stelle treten könnte; wir waren uns ja noch nicht einmal darin einig, dass das Geld das Problem war. Wir schoben den Zustand der Dinge mal auf dieses, mal auf jenes, auf einen Stellvertretergrund nach dem anderen, und alles, was wir versuchten in der immer frenetischer werdenden Suche nach einer Abhilfe, lief stets nur auf mehr desselben hinaus. Und so rutschten wir Tag für Tag ein Stück weiter hinab auf der abschüssigen, schlüpfrigen Rutschbahn, die hin zu unserem Ende führen würde, einem ganz wortwörtlichen Ende, dem Ende von Erde, Luft, Wasser, Energie, Nahrung, Gesundheit, Friede, gutem Willen und gesundem Menschenverstand.
 

Was das Verhängnisvollste war: dass wir das Geld als eine Erweiterung unserer selbst ansahen, es nicht nur zu einem Bestandteil unseres Handelns und unserer Beziehungen, sondern unserer eigenen Persönlichkeiten gemacht hatten. Wer das Geld verändern wollte, musste sich selbst verändern. Wer die Welt retten wollte, musste sich selbst aufgeben. Das wäre kein Hexenwerk, tausende von Menschen hatten es vollbracht in den langen Annalen der Menschheitsgeschichte, und es verursachte keine anderen als eingebildete Schmerzen; diese Tat jedoch in genügend großer Anzahl und in so verschwindend kurzer Zeit zu vollziehen, dass sie noch einen Unterschied bewirken würde, das war die Herausforderung unserer Zeit, an uns alle, ans Menschengeschlecht, und die Chance dafür standen nicht eben berauschend – weil diese ganze Welt, die wir geschaffen hatten, mit all ihren Werten, Zielen, Medien und Mitteln, dieser Tat im Wege stand. 

Wer die Welt retten wollte, musste sich gegen die Welt stellen, mit Haut und Haar, willentlich und mit einem Lächeln auf den Lippen. Er musste sich selbst befreien von allem, was uns unsere Leben lang eingetrichtert, eingehämmert worden war, und sich neu erfinden in einer Zivilisation auf dem Weg in den Abgrund, einer Zivilisation des Neids, des Hasses, des Misstrauens und des Eigennutzes. Wir mussten selbstlos, liebevoll, vertrauensvoll und ausschenkend werden, und alles, was um uns war, sprach dagegen an. Prost Mahlzeit. Das war alles, was ich dazu sagen konnte.

Montag, 21. November 2011

The Truth Is...

The truth is that as a man’s real power grows and his knowledge widens, ever the way he can follow grows narrower: until at last he chooses nothing, but does only and wholly what he must do.

Ursula K. Le Guin

Ich wünschte, ich hätte mir das ausgedacht. Es war so wahr, wie etwas nur wahr sein konnte, und es war das, was ich selbst fühlte: dass es, nach all dem Verstehen, nichts mehr zu wählen gab, sondern nur noch Dinge, die ich einfach tun musste.

Dienstag, 8. November 2011

Occupy

Rastlos, ruhelos, verwirrt - und doch bestimmt, zielgerichtet, bewusst. 
In was für einer Welt wir leben! Eine Spiegelung, eine Verzerrung, vorgeprägt von Lügen in fremde und eigene Taschen, und das Reale geht darin zugrunde.


Es ist so wichtig, dass wir einander kennen - so wichtig, dass wir unsere Augen öffnen. Atomisiert sind wir, zum Opfer gemacht, gelähmt und blind. Den Spieß umdrehen: zusammenschließen, handeln, erschaffen, die Augen öffnen: dancing to a different tune. Wähle aus - um aber wählen zu können, muss eine Bewusstsein wachsen für das, was uns allen als Menschen von Nutzen ist, wann ein Leben erblühen kann, und was es zugrunde richtet, wenn wir ihm (weiterhin) zuviel Platz einräumen. Lebende Leichname auf einer sinnlosen Reise - wie weit soll diese Reise noch gehen, und zu welchem Ziel? Der Orkus der Hölle wird als Destination überschätzt.


Im Wählen aber gibt es nichts zu wählen. Nicht der Ersatz eines Denkmodelles durch ein anderes schwebt uns vor, kein Kampf der Paradigmen. In der Erklärung des Ziels liegt das Scheitern, das wahrhaftige, kommende Scheitern: Weil ein, mehrere, alle Ziele allein der Wirklichkeit nicht gerecht werden können - weil sie dynamisch und lebendig ist, und es nur unser eigenes, überkommenes Denken ist, dass sie in etwas Totes verwandelt, sie tötet, im wahrsten Sinne des Wortes.
Also gilt es zunächst schlicht zu fragen, und auch einander zu fragen: Was soll es sein? Was könnte es sein? Die Grenze sind wir selbst, unsere Vorstellung, unser Wollen. Vor dem Denken war die Welt. In dieser Realität hingegen häufen wir noch immer nur Steine auf unsere Köpfe.
Wählen, ohne zu wählen. Ausschenken, und dabei immer voller und reicher werden. Das ist Occupy.


Am Ende wird eine Aussage stehen, für jene, die es dann doch lieber mit einer solchen haben, die denken, alles, was es sei, sei ein Nein. Und es wird ein JA sein, ein JA zum Menschen, zu unser aller Leben und Wert.
Am Ende entpringt aus der Verneinung die allumfassende Bejahung.

Freitag, 4. November 2011

Die Unbestimmtheit im Herzen der Dinge

Und wieder zurück am See, und wieder wie zurück in der Heimat. Das Wasser lag still und weit, und die Sicht und der Duft und das Licht auf dem Spiegel legten wie stets ihre ganz eigenen Ideen und Schlussfolgerungen nahe.
 

Ich erkannte: Ich war eine leere Form, in die Inhalte gegossen wurden, immer mehr und immer größere von diesen, seit Jahren schon und immernoch, bis ich irgendwann überfließen und das, was in mir war, verändert und verwandelt wieder an die Oberfläche kommen würde, geformt im Druck meines Inneren, veredelt durch die Qual und die Freude eines Lebens – meines Lebens, dieses schrecklichen, köstlichen, leeren, übervollen Lebens. Ich, als Person, war nicht wichtig; ich war so unbedeutend, wie man nur sein konnte. Das machte mir der Blick über den See sehr klar. Es kam nicht auf mich an, wollte ich damit sagen; nicht auf mich als Individuum, nicht auf meine Ideen, meine Wünsche und Träume, und sowieso nicht auf meinen Erfolg, meine Vergangenheit oder meine Zukunft. Ich war ein leeres Gefäß, das aufnahm und aufnahm und aufnahm, und ich verwandelte, was ich aufnahm, und reicherte es an und schuf Verbindungen und Komplexität und manchmal gar so etwas wie Schönheit. Alles, was meine Aufgabe war, war das wiederzugeben, was ich verstanden und verwandelt hatte. Ich musste gebären – ich war übervoll an Frucht, reif und prall. Die Geburt würde nun ganz von selbst erfolgen, ob ich das wollte oder nicht, ob ich Widerstand leistete oder brav und folgsam handelte. Es war keine Sache meiner Entscheidung. Es war einfach, was es war. Die äußeren Umstände, die mich drängten, die wohlmeinenden Ratschläge anderer, die Entwicklung der Weltlage, die Ausweglosigkeit unserer modernen Zivilisation waren nur unterstützende Botschafter einer Entwicklung, die so oder so ihren Gang nahm und nehmen musste. Ich wusste, ich war bereit zur Geburt, auch wenn ich dies leugnete, und diese Geburt war das Wichtigste, was ich in diesem Leben vollbringen konnte und musste. Ich war nicht interessiert daran, zu funktionieren oder eine allgemein anerkannte Rolle zu finden oder das, was alle anderen „Erfolg“ nannten, „Sicherheit“, „Perspektive“. Alles, was mich interessierte, war dieses Hervorbringen. Bis jetzt war alles still und fein in mir verborgen gewesen, unscheinbar wie eine trübe, übersättigte Lösung, die träge schwappte in ihrem Gefäß, mehr eine schwammige Suppe denn etwas anderes. Der Kristall würde entstehen. Er tat es schon. Der Anstoß war bereits erfolgt, vor langer Zeit. Es nahm Gestalt an. Fast wollte ich sagen: Ich nahm Gestalt an – aber um mich ging es in dieser ganzen Geschichte ja gar nicht. Ich war nur das Vehikel, ein träger Transporter einiger weniger, aber besonderer Einsichten. „Sich selbst nicht zu wichtig nehmen“, hatte ich vor langer Zeit einmal geschrieben. Das war noch immer wahr.

Das Voglhaus war das gleiche,
wohlbekannte Chaos wie immer schon, vollkommen überheizt, vollkommen überfüllt. Ich saß, trank Café und schrieb und genoss es aus vollen Zügen. Am entfernten Fenster saß eine wunderbare, unbekannte Schöne. Der Gaskamin brannte. Draußen war es November.

Warum leben, warum leiden, wenn nicht darum, das hervorzubringen, was in dir war. Alles andere wäre nur ein versteckter, verkleideter Selbstmord.

Freitag, 16. September 2011

Eine großartige Erfahrung

Es waren die Worte Salters, die mir wieder Mut machten: Wie köstliche, tierhafte Nahrung gaben sie mir das Gefühl für das, was möglich war, zurück. Salters Worte, Millers Leben, Hemingways Haltung – eine neue, alte Dreieinigkeit, die mein Leben bestimmte, jenen Teil, den ich dem Schreiben gewidmet hatte. 

What we all hope in reaching for a book, is to meet a man of our own heart, to experience tragedies and delights which we ourselves lack the courage to invite, to dream dreams which will render life more hallucinating, perhaps also to discover a philosophy of life which will make us more adequate in meeting the trials and ordeals which beset us. To merely add to our store of knowledge or improve our culture, whatever that may mean, seems worthless to me.

--Henry Miller

Und genau darum ging es: auf einen Mann nach unserem Herzen zu treffen, Tragödien und Freuden zu erleben, denen nachzueifern wir uns selbst nicht trauten, Träume zu träumen, die unser Leben reicher zurückließen und, vielleicht sogar, die ein oder andere Lebensphilosophie zu entdecken, die uns mit diesem Ding genannt Leben besser zurechtkommen ließ. Es ging um das Er-Leben, um das Nach-Leben großer Geschichten, und um nichts anderes. Das war der Job des Schriftstellers: Eine großartige Erfahrung anzubieten, die das reale Leben überstieg, es transzendierte, und sich doch in es hinein fügte, wenn man es zulassen konnte. Allerweltsgeschichten waren wertlose Geschichten; Storys, die einfach die Realität nacherzählten, unser alltägliches, erschöpfend bekanntes Erleben aufwärmten, waren zum Scheitern vor den Prüfungen der Zeit verurteilt. Und, wie ich zugeben musste: zu Recht.

Donnerstag, 7. Juli 2011

The Question To Me, Recurring...

Manchmal fragte ich mich schon, in was für einer Welt ich hier eigentlich lebte und was zum Teufel mein Platz darin war, mein Platz darin sein konnte. Anders ausgedrückt, ich war ein wenig ratlos. Ich wurstelte einfach vor mich hin, in der Hoffnung, dass dabei schon etwas herauskommen würde. Aber es gab keine Garantien, keine Perspektiven; es gab nur einfach das Wursteln, und die Verzweiflung über die Umstände. Warum Verzweiflung, war die nächste Frage. Na, weil alles so verfahren, festgelegt und hoffnungslos aussah. Das musste ich wohl erklären – oder, musste ich das? Wirklich?
 

Es gab nur noch einen Wert in dieser Welt, um den sich alles drehte – Geld. Was mehr Geld bedeutete, war gut, was weniger Geld bedeutete, war schlecht. Aber was zum Kuckuck war das Geld denn? Nichts weiter als eine Einbildung, eine Erfindung, ein Schemen, der einmal, vor langer Zeit, Werkzeug gewesen und dann zum Maß aller Dinge aufgestiegen war. „Es muss sich rentieren“, „Wir müssen Profit machen“, „Die Gewinne steigen“ und müssen steigen, und nach uns die Sintflut.
 

Es ging nicht länger um Wohl, es ging nicht um „das gute Leben“, um Gerechtigkeit, Freundlichkeit, Brüderlichkeit, wie immer man es nennen und operationalisieren wollte. Es ging nur um eines: um Geld und noch mehr Geld. Geld bedeutete Macht, man konnte sogar sagen: Geld = Macht, und da hatten wir schon wieder die direkte Verbindung zu unser aller Wahnsinn, der Vergötterung des Egos. Ich habe Macht, also bin ich nicht ohnmächtig, ohn(e)-Macht-ig, also bin ich „wer“. Ja, aber wer denn, zum Teufel? Eine leere, schlaffe Hülle, angefüllt mit Vorstellungen, die ihre Potenz aus einer anderen, weiteren Vorstellung bezog, an ihr hing wie der Junkie an seiner Nadel, und ohne sie ginge es mir dreckig. Das war die Überzeugung, das war der Mechanismus unserer Welt, oder zumindest dessen, was wir aus unserer Welt gemacht hatten.
 

Zwei große Stellschrauben, zwei große Variablen also: unser Ego, unsere Wahrnehmung von uns selbst, und das Geld, das Geldsystem, und beide mit ihren inhärenten Zwängen, die aus keinem anderen Grund bestanden als dem, dass wir dachten, es müsse so sein. Natürlich musste nichts davon sein, gar nichts davon. Aber wir dachten es, und wir handelten danach, und wir lebten es, und dadurch gewann es Realität, dadurch wurden diese beiden Dinge zu Richtschnüren, die unsere Welt durchzogen. Dass sie dabei an der wirklichen Realität vollkommen vorbeigingen und die reale Welt zerstörten, sowohl die soziale Welt, in der wir lebten, als auch die natürliche Welt, dank der wir überhaupt existierten, lebten, atmeten – wen interessierte das, solange wir nur unser Ego kitzeln und irrealen Zahlen auf irrealen Konten beim Wachsen zuschauen konnten.
 

Wir lebten in etwas, was die alten Psychoanalytiker vielleicht eine Massenpsychose genannt hätten, in einer fehlgegangenen Vorstellung von den Dingen, die mit der Realität nichts zu tun hatte. Ein Zwangspsychotiker, der nach jeder Verrichtung dreimal in die Hände klatschen, sich um die eigene Achse drehen, pfeifen und mit der Zunge schnalzen musste, weil sonst die Welt unterginge, ein solcher Zwangspsychotiker unterschied sich nur wenig von dem, was unsere nationalen und internationalen „Eliten“ waren, ja, was wir selbst waren, wir alle zusammen, der eine mehr, der andere weniger, dennoch lief es darauf hinaus (und ich konnte nicht einmal mich selbst davon ausnehmen, wie auch). Wir lebten in einem gigantischen Irrenhaus und nannten es „Realität“, „unsere Welt“.
 

Ich hatte von zwei zentralen Stellschrauben geredet vorhin. Natürlich konnte man an denen drehen, wenn man den Willen, die Überzeugung und die Entschlossenheit aufbrachte, die dazu nötig waren. Das Ego war transzendier- und beherrschbar, wenn man es richtig anging, jahrhundertealte, geistige Traditionen aus allen Ecken und Winkeln der Welt hatten das eindrucksvoll belegt. Dass es einfach wäre, versprach niemand. Aber dass es möglich war, war bekannt. Und auch das Geldsystem, mitsamt Zins und Zinseszins, jenen Konstrukten, die den Zwang zum Immer Mehr in unserer Welt, unserem Irrenhaus begründeten, war veränderbar, und auch hierzu gab es eine Menge gute Ideen, von denen man nur selten hörte, weil sie dem Zeitgeist zuwider liefen. Das Problem war die Masse: die Masse, die notwendig wäre, um solchen Versuchen der Veränderung genügend Momentum zu  verleihen. Um einen „Irren“ zu überführen, brauchte man eine Vielzahl an Menschen, die eben nicht „irre“ sind, denn sonst war dieses irre Verhalten eben die Normalität. Und wir existierten zu einer Zeit, zu der uns weisgemacht wurde, dass genau dies der Fall wäre, dass die „Irren“ die Normalen, die Angepassten, die Richtigen wären. Die Grundzüge des Problems, wie ich es sah, so sahen sie aus.
Was tun also unter diesen, oh ich, oh Leben? Was blieb mir, was blieb uns übrig?
 

An der Masse arbeiten. Was denn noch sonst. Mit welchen Mitteln auch immer.

Donnerstag, 30. Juni 2011

Ein gelackter Bubi


 


Ich konnte diesen Kerl hassen lernen, ohne ihn überhaupt zu kennen. Ich hätte ihn bloß in einer Cafeteria am anderen Ende sitzen zu sehen brauchen und gleich Lust verspürt, ihm die Zähne einzutreten.
(Raymond Chandler, Der lange Abschied) 

(Der Form halber: Ich redete hier nicht von Gysi.) 

*UPDATE*

Und jetzt hatte das ZDF das Video aus dem Netz nehmen lassen. Ein Hoch auf das gebührenfinanzierte Fernsehen mit dem Informationsauftrag.

Montag, 25. April 2011

Lernen über das Handwerk

James Ellroy galt als einer der besten Krimi-Autoren unserer Zeit, zumindest, wenn man ihn selber fragte. Ich las ihn, um von ihm zu lernen, und tatsächlich lernte ich eine ganze Menge.

L.A. Confidential war ein großartiges Buch. Ich hatte damals zuerst den Film gesehen und stellte nun fest, dass Film und Buch nichts miteinander teilten außer den Namen der Protagonisten und die eine oder andere Szene. Der Film war (dennoch, gerade) ein Meisterwerk. Das Buch war es auch. Zwei vollkommen verschiedene Geschichten, aber so war es. 
L.A. Confidential, das Buch, nannte jedenfalls den aufgeblasensten Plot sein eigen, den man sich denken konnte. Was die (beliebige) Konstruktion von Zusammenhängen anging, konnte man von Ellroy viel lernen. Zugleich, und das war fast noch interessanter für mich, verstieß er fortlaufend und andauernd gegen eine der wichtigeren sogenannten Regeln, die für das Schreiben galten: Show, don't tell. Er zeigte wenig und berichtete die ganze Zeit, und trotzdem funktionierte seine Story, legte ich das Buch nicht aus der Hand und verschlang ich seine fünfhundert Seiten in zweieinhalb Tagen und Nächten.

Dann ging ich zurück in der Zeit und machte die gegenteilige Entdeckung: Ellroys (chronologisch gesehen) zweiter Roman, Heimlich, geschrieben Jahre zuvor, funktionierte überhaupt nicht. Er klang nicht wie Ellroy, sondern wie Murakami, und er war nicht konstruiert wie ein Ellroy, sondern wirkte wie ein beliebiges Versatzstück aus Szenen, die man genausogut aus einem Hut ziehen konnte. Der Hut hätte vermutlich sogar mehr Sinn ergeben. Vielleicht gab es am Ende eine Auflösung, die der Rede wert war, aber bis dahin kam ich nicht. Die ganze Story war sauer wie ein Bohneneintopf, den man in der Sonne gelassen hatte. Und zeigen tat er hier auch nicht besonders viel.

Der Ellroy von heute war vielleicht ein großer Autor, auf jeden Fall einer, den ich gerne las. Zu sehen, wie klein und unbedarft und, pardon, schlecht er begonnen hatte, erfüllte mich mit Freude, besonders, da mir bewusst war, wo er heute stand. Da konnte man mal sehen, wie man sich entwickeln konnte. Da konnte man's wirklich mal sehen.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Keine Bilder mehr

Das am Rande: Beim Umzug zurück auf Blogger.com (weil ftp weiter zu unterstützen diesen Gurken zu blöde war) sind sämtliche Bildchen kapauster gegangen. Ich bitte darum, die langweiligen weißen Rahmen, die sich in vielen Beiträgen nun finden, zu ignorieren oder im Geiste mit einer bildlichen Darstellung eurer Wahl zu füllen.

(Gedanke dazu: Sind in einer weißen Leinwand nicht alle Bilder bereits enthalten?)

Die Welt, wie sie ist

Wenige besitzen das meiste; die meisten besitzen wenig. Wir produzieren und produzieren, aber Güter, die nach kurzer Zeit den Weg allen Irdischen gehen, damit die neue Produktion nachrücken kann. Geld ist der Maßstab aller Dinge; aber Geld ist nicht frei verfügbar: Es wird geschaffen von wenigen, mit einem Federstrich – sie sind die Zauberer unserer Zeit, die Alchemisten, die aus keinem nachvollziehbaren Grunde das Privileg besitzen, und zu denen alle anderen wallfahren müssen, um Teil an ihrem Heil zu erlangen. Sie schaffen Geld nach Gutdünken, aber dennoch ist niemals genug Geld da. Denn sie erschaffen das Geld mit einer Schuld, mit Zins, der ihnen zusteht – nur schaffen sie ihn nicht mit, den Zins. Wer das Geld von ihnen erhält, der bietet ihnen Sicherheiten, und nach und nach wandern diese Sicherheiten, eine nach der anderen, in die Taschen jener, die ohnehin an der Spitze stehen, die Kaste der Alchemisten und Besitzenden, bis sie untereinander um die letzten Brocken kämpfen. Wir hätten die Möglichkeit, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen – Essen, Wasser, ein Dach über den Kopf. Es wäre kein Problem, nicht einmal eine Herausforderung. Wir ziehen es aber vor, einer Konvention nachzujagen, von der es niemals genug geben wird, dem Geld, und Dinge zu produzieren, die keinen Zweck erfüllen außer dem, die Leere, die wir in uns empfinden, kurz zu übertünchen.
 

Unser inneres Erleben ist so armselig wie unsere äußere Existenz. Wir haben vergessen, was die Worte „Hoffnung“, „Vertrauen“ und „Verantwortung“ eigentlich bedeuten. Wir führen sie in unserem Munden, aber wir bezeichnen damit Dinge und Verhaltensweisen, die mit den Ursprüngen dieser Konzepte nichts mehr zu tun haben. Politiker führen sie im Mund, Vorstandsvorsitzende. Wir haben keine Hoffnung mehr, kein Vertrauen; es ist niemand mehr da, der Verantwortung übernehmen wollte. Wir hoffen nur, dass der Kelch ein weiteres Mal an uns vorübergehe, dass wir noch ein Weilchen länger gebraucht werden auf der Jagd nach dem Goldenen Kalb, die Opfer um Opfer am Wegesrand zurücklässt ohne sich umzuschauen; und dabei wissen wir, dass wir die nächsten sein werden, und wenn nicht die, dann die übernächsten. Tief in uns wissen wir, dass für uns kein Platz am Tisch der Sieger vorgesehen ist. Einsam wird dieser Tisch stehen, mit einigen wenigen, verbliebenen - hoch über einer Ebene getränkt mit dem Blut dieser Welt.
 

Was hält uns in dieser Welt fest? Es sind die Geschichten, die Narrative, die uns erzählt werden, die wir einander erzählen und uns selbst zuflüstern in den Momenten des Zweifels, der Unsicherheit. Der Mensch sei des Menschen Wolf. Der Stärkere überlebe. Das selbstsüchtige Gen. Die unsichtbare Hand. In direkter Nachfolge stehen sie zur unbefleckten Empfängnis, zur jungfräulichen Geburt, zur Auferstehung nach dem Tode und zum Jüngsten Gericht. Das Gilgamesch-Epos ist ihrer aller Urahn, und selbst der hatte vermutlich Eltern. Es sind Geschichten, nichts als Geschichten; sie geben unserer Erfahrung Form, sie geben uns Halt. Nur dass sie uns, seit Jahren, Jahrhunderten schon, nur noch den Boden unter den Füßen wegziehen. Allmählich, todsicher.
 

Wir alle handeln so, als besäßen diese Geschichten Realität. Dies nennt man Zivilisation. Keiner von uns ist unschuldig, keiner von uns steht außen vor. Wir alle sind Rädchen in der großen Maschine, die den Tod bringt, wenn er nur Profit verspricht; die an die Ehre glaubt, was immer sie koste; die uns in Nationen unterteilt, obwohl das eine Rädchen wie das andere ist. Da ist niemand, der die Maschine lenkt (vermutlich). Es ist ein Wahnsinn ohne Methode.
Wir alle handeln so, als besäßen diese Geschichten Realität.

Es sind daher die Wort des Propheten, die starken, unsterblichen Worte, die noch Hoffnung geben:
Wir könnten anders handeln.

Mittwoch, 17. November 2010

Die anderen Zeiten

Später würde er seine Berliner Zeit als die Zeit der Entscheidungen bezeichnen. Er war der Liebe wegen in diese Stadt gekommen, er folgte ihr, als es nichts Anderes in seinem Leben mehr zu tun gab. Ihre Wohnung in Moabit war klein, zwei Zimmer mit einem winzigen Balkon. Die Ecke des Bezirks, in der sie lebten, bewohnt von Türken und Arabern, bestand aus geschäftigen Straßen voller Friseure, Gemüsehändler, Billigläden und  zahllosen Cafés, aus denen tagein, tagaus der süßliche Duft des Müßiggangs, der Wasserpfeifen auf die Trottoire drang.
 

Der Abend am Ende des Tages. Die Küche winzig klein wie eine schlecht aufgeräumte Kombüse; die Regale an der Wand bersten von Geschirr, den Vorräten. Auf dem Herd steht eine Soße, seit Stunden köchelt sie schon, immer wieder tritt er heran und rührt und kostet. Auf der kleinen Küchenzeile liegt frische Pasta, geduldig auf ihr Bad im Salzwasser wartend. Zwischen unseren Füßen die Katzen, ungeduldig auf ihrem Geburtsrecht beharrend, den Zugang zum Kühlschrank. Sie sind wie kleine Kinder, vertraut er mir an, er, der keine Kinder hatte. Die Katzen reichten ihm völlig, vielen Dank. Sie waren die Idee seiner Freundin gewesen, und er ertrug sie duldend, wie man einen lästigen Verwandten erträgt. Später würde er sie mögen, sie liebgewonnen haben, nachdem sie alt und faul geworden waren.
 

Die Pasta gurgelt im Topf, und er öffnet die zweite Flasche Rotwein, einen Bordeaux. Er glaubte nicht an die großen Dinge, und er sah damals keinen Sinn darin, ein Haus zu bewohnen, eine große Etagenwohnung; aber er gab das Geld, das sie hatten, gerne her für die genussvollen Dinge des Lebens, jene, die man mit anderen teilen konnte. Der alte, große Audi, den er fuhr, ein Cabriolet, hatte einmal seiner Großmutter gehört und danach seinem Vater. All unsere Dinge im Leben sind nur geborgt, sagte er. Mit ihm am Steuer war es wie an Bord eines offenen, großen Motorboots, er schwamm durch den Verkehr und durch die hohen Straßen der Stadt, und hinaus aufs Land, an den Wochenenden, wo sie aßen und in billigen Hotels übernachteten. 

Sie hatten nicht viele Freunde in jenen Tagen, aber es bedeutete ihm nichts – ich bin nicht mehr das Alte und noch nicht das Neue, sagte er. Die alten Freunde waren weit entfernt, verschwunden oder belanglos geworden, und die neuen hatte er noch nicht gefunden. Wir aßen in ihrem Wohnzimmer auf dem Fußboden sitzend, wie die Japaner. Die Türe zum Balkon, einer kühlen Höhle im Dickicht der Bäume im Hof, war geöffnet, und ein leichter Abendwind trug Zigarettenrauch von draußen herein. All das war vor seinem Erfolg, ja sogar noch vor seinem ersten Buch, das den Boden bereiten sollte für alles andere, auch wenn es für sich allein genommen nichts Besonderes war. Die Bedeutung dieses Buches lag für ihn nicht in seinem Inhalt, sondern in seiner bloßen Existenz – der Beweis, dass er es schaffen konnte. Er verbrachte seine Tage in Abgeschiedenheit, nur er und die beiden Katzen. Er schrieb, wenn sie schliefen, wie man es machte, wenn man Kinder hatte. 

Er sei einer jener Schriftsteller, für die am Ende keine andere Perspektive mehr übrig geblieben war, sagte er gern über sich. Studium und das, was er abfällig "Wirtschaft" nannte, hatte er hinter sich; dann warf er alles hin und unternahm das, was er seine letzte Chance nannte, seine letzte Chance auf Rettung. Das war zu Zeiten der Finanzkrise gewesen, kurz bevor die Dinge zusammenbrachen. In der Rückschau wirkte es wie ein anderes Zeitalter. 

Er war ein Eremit, einer, der seinen Reichtum in sich trug. Seine Freundin wäre gerne gereist, nach Barcelona, nach Paris, wo sie Freunde hatten; er sagte, er müsse erst hervorbringen, was in ihm sei, bevor er Zeit für solche Dinge habe. Später, nachdem sein zweites Buch seinen Erfolg begründet hatte, riss sie ihn von seinen Manuskripten los, und wenigstens für jeweils ein paar Tage besahen sie sich gemeinsam das, was von der Welt noch übrig war. Ihre Reisen waren wie ein endloser, geheimnisvoller Müßiggang, eine Erkundung des Unbekannten mit kindlicher Neugier und ohne Pläne und Ziele, denn sie brachten ihre eigenen Zauber mit sich. Die Welt um sie her formte sich nach ihrem Bild, ohne dass sie es merkten. Es waren magische Zeiten, und sie waren unschuldig, wie Kinder, denen das große Glück zugefallen war, ohne dass sie es eigentlich wussten.

Samstag, 6. November 2010

Heimkehr

Irgendwie ging alles nicht ganz so voran, wie ich mir das vorgestellt hatte - nicht das Buch, nicht die anderen Storys, nicht das Leben selbst. Ich war ein sehr verwirrter und hilfloser Mensch momentan, jedenfalls in dieser Hinsicht. Überraschenderweise war ich dennoch völlig cool. Es kümmerte mich nicht, und das nicht auf eine verzweifelt-gleichgültige Weise, sondern gewissermaßen existenziell: Mir war bewusst, dass es für den größeren Lauf der Dinge vollkommen unerheblich war. Ich würde leben, auf die eine oder andere Weise. Solange man lebte, war man noch nicht tot. Das Leben mochte nichts Besonderes sein, aber es war schon in Ordnung, und man konnte es auch noch ein wenig mitmachen und sehen, wohin es einen trieb. Man konnte leben, wollte ich damit sagen, soll heißen, man konnte hinausgehen und alle Erfahrungen sammeln, die es zu sammeln gab (ein hehres Ziel). Man lebte eben immer nur dieses eine Leben, auch wenn es einem gelang, die größeren Zusammenhänge im Blick zu behalten. Und was man in diesem einzelnen Leben tat, war eben dieses: man sammelte die zugehörigen einzelnen Eindrücke. Nicht mehr, nicht weniger. So what? Die Katastrophe konnte nicht eintreten, solange man sich nicht selbst für absolut hielt.

Ich genoss diese wunderbare Ruhe und Coolness in meinem Geist, und blickte hinaus in den Hof und auf die kahlen Bäume. Meine Arbeit war ein einziger Kampf - gerade deshalb, weil es alleine meine Arbeit war. Zugleich war es vollkommen egal, was ich machte und was ich arbeitete oder arbeiten würde. Es war keine große Sache, und es war keine Katastrophe. Natürlich war es für mich unheimlich wichtig – ich würde ja Lebenszeit damit verbringen. Die verging allerdings sowieso, egal was ich machte – also wiederum keine große Sache. Angst jedenfalls musste ich keine haben. Ich würde etwas machen, solange es dauerte oder ich wollte, und dann würde ich etwas anderes machen und andere Erfahrungen sammeln. Wichtig war, sich nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Wichtig war es, das Bewusstsein zu öffnen und den Geist zu beruhigen. Wichtig war es, das Leben mit einer gewissen Grundstimmung der Sympathie für die lebenden und die toten Dinge anzugehen.
Worte ähnlich denen Henry Millers, und sie beschrieben die gleiche Wahrheit.

Das Leben war eine gemeinschaftliche Konstruktion. Dieser Gedanke kam mir unvermittelt und begeisterte mich. Denn unter diesem Gesichtspunkt ergab das Leben plötzlich wieder Sinn. Wir alle konstruierten diese Realität gemeinsam, zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort der Welt. Die Welt war immer genau das, was wir sie sein ließen, was sie für uns in unseren Köpfen war. Und das war die eigentliche Aufgabe, die ein denkender Mensch im Leben haben konnte: nicht der Verzweiflung anheimzufallen und sich das Lebenslicht auszublasen ob der Dummheit aller und der verzweifelten Bemühungen weniger, sondern teilzunehmen an der gemeinsamen Konstruktion, in einer Funktion, in der man den Bauplänen des Unternehmens nahe war, und EINFLUSS ZU NEHMEN auf die Konstruktion, um die Welt auf diese bescheidene und doch einzig mögliche Weise zu einem anderen und besseren Ort zu machen. „Die Welt besser zurücklassen, als man sie vorgefunden hat“ – das war die Grundherausforderung allen Seins und der wahre kategorische Imperativ. Dafür lebte ich, und daran hätte mich bereits Hans-Peters Tod eigentlich auf alle Zeit erinnern sollen, und dennoch hatte ich es wieder vergessen, und das Leben aus dem Blick verloren und mich selbst und alles vergessen, und nun wusste ich es wieder und konnte vielleicht doch noch, endlich, so leben.

Sonntag, 16. Mai 2010

Alles so einfach, eigentlich...

Donnerstag Morgen. Ich saß beim Arzt und wartete mir einen ab. Die Terminplanung funktionierte wie immer nicht, das Wartezimmer war voll und die Sprechstundenhilfen eine Katastrophe, unfreundlich und nur auf sich selbst bezogen, das jedenfalls mein Eindruck. Was sollte es. Ich weigerte mich, mich über all das aufzuregen. Es war wieder einmal nur mein Ego, dass hier den großen Zampano markieren wollte, so wie alle andern Egos um es herum. Das brachte mich nicht weiter, und es brachte uns alle nicht mehr weiter, Mitglieder des Menschengeschlechts, sondern es zog uns nur immer weiter in den Abgrund, der unser Leben und unsere Ausgestaltung des Lebens zu diesem Zeitpunkt auf dem Planeten Erde war.
Ich hätte mich ohne Weiteres wieder aufregen können. Die Welt war eine Katastrophe. Wir waren eine Katastrophe. Und ich selbst war die größte Katastrophe von allen. Ich brachte nichts fertig, weil meine egoischen Verhinderungsmechanismen und Beschäftigungstherapien mich fest im Griff hatten, und dann fühlte ich mich schlecht und machte mich noch schlechter, wieder mithilfe genau dieser Mechanismen.
Dabei wusste ich eine ganze Menge über diese beschissene Welt, ihre Mechanismen und Wirkungen. Wir alle saßen gemeinsam in der Scheiße, wir alle saßen zusammen darin, außer vielleicht dem Dalai Lama, Tich Nath Hanh und diverser anderer, einzelner Heiliger, aber auch die konnten nicht viel gegen den allgegenwärtigen Wahnsinn ausrichten. Und ich hatte genug von dem Wahnsinn. Ich hatte vor allem genug von meinem ganz eigenen, dümmlichen Wahnsinn. Das hatte ich schon mehrmals gesagt, keine Frage – aber mit jedem Mal war es mir ernster. Der Mensch war nur soundso lange zum immer gleichen Leiden fähig. Langsam hatte ich den Scheitelpunkt erreicht.

Worauf es hinauslief, war das Weltproblem – das gute, alte, ebenfalls immer gleiche Weltproblem in all seiner Herrlichkeit. Das Weltproblem, das die Summer von sechs Milliarden kleinen, vereinzelten Problemen war, plus/minus ein paar. Ich sprach hier natürlich vom Ego, der egoischen Bewusstlosigkeit von uns Menschen; und ich wusste, wovon ich sprach, denn wer bewusstloser als ich, und wer ungläubiger?
Das Ego brachte uns um – je mehr von uns und umso vernetzter und aufeinander bezogener wir waren, umso sicherer. Gier, Geiz, Krise? Unsere Egos brauchten den Besitz, das Haben, sie kriegten gar nicht genug davon. Was war dagegen eine Krise und das Unglück von Millionen? Macht, Korruption, Goldman-Sachs? Wir waren Würstchen, denn wir fühlten uns als Würstchen, und wir plusterten uns auf und versuchten uns größer zu machen, als wir insgeheim dachten, dass wir wären; wir brauchten Macht, Gewalt, Missbrauch, denn sie verliehen uns für einen kurzen Moment das Gefühl, wir seien die Herren der Welt. Ich war mir sicher, dass unsere Herren Politiker und Wirtschaftlenker sich genauso fühlten. Sie und die Anderen – ich Würstchen hier drin und die Würstchen da draußen. Macht, Geld, Gewalt, darauf lief es hinaus. Darauf war es immer schon hinausgelaufen in unserer glorreichen Menschheitsgeschichte, „one damn thing after another“, wie Winston Churchill gesagt haben sollte. Und was wir jetzt gerade erlebten, egal an welchem Ort, an allen Orten gleichzeitig eigentlich – USA, Europa, Iran, Israel, Russland, ganz egal wo – es lief nur wiederum hierauf hinaus: Macht auf Kosten anderer, Ablenkung auf Kosten anderer, gib mir Erleichterung von meinem Ego und seinem empfundenen Mangel und zum Teufel mit dem Rest! Diese wenigen Worte zur Ausgangslage.

„Haben oder Sein“ – schon Erich Fromm hatte den Grundkonflikt der menschlichen Existenz in Worte gekleidet.
Wir hatten Dinge, wir definierten uns über dinglichen Besitz, und ohne ihn waren wir nichts, nur leere, verzweifelte Hüllen – darum das dickere Auto, das größere Haus, das nächste Statussymbol und die nächste Million, nicht, weil wir sie brauchten, sondern weil sie die große, himmelweite Leere in uns für den Moment überdeckten. Und nicht nur die konkreten Dinge waren hiermit gemeint, sondern auch all das, was zu unserem Konzept von Persönlichkeit hinzugefügt war, was man also abstrahieren konnte – denn alles, was man abstrahieren konnte, waren nicht wir selbst, sondern eine Hinzufügung: „Ich bin ein mächtiger Boss – ein guter Vater – superschlau – der Größte!“ Alles Hinzugefügtes, und alles Eigenschaften, die auf eine Bestätigung durch die Außenwelt angewiesen waren. Und das Ego war das Haben... Es war ein Arschloch. Wir waren die Arschlöcher...

Donnerstag, 8. April 2010

Kein Quadratmeter mehr

Wenn es einen Menschen gäbe, der wagte, alles zu sagen, was er von dieser Welt gedacht hat, bliebe ihm kein Quadratmeter mehr, um sich darauf zu behaupten. Wenn ein Mensch erscheint, stürzt sich die Welt auf ihn und bricht ihm das Rückgrat. Immer sind zu viele morsche Säulen stehen geblieben, zuviel verfaulte Menschheit, als dass ein Mensch aufblühen könnte. Der Überbau ist eine Lüge und das Fundament eine riesige zitternde Angst. Wenn in Abständen von Jahrhunderten ein Mensch mit einem verzweifelten, hungrigen Blick in den Augen auftritt, ein Mensch, der die ganze Welt umwälzen würde, um ein neues Geschlecht zu schaffen, wird die Liebe, die er in die Welt mitbringt, in Bitterkeit verwandelt und er wird zur Geißel. Wenn wir dann und wann auf Seiten stoßen die explodieren, Seiten, die verwunden und schmerzen, die einem Seufzer, Tränen und Flüche abringen, dann sollt ihr wissen, dass sie von einem aufrechten Menschen stammen, einem Menschen dem keine andere Verteidigung übrig bleibt als seine Worte, und seine Worte sind immer stärker als all die Foltern und Räder, die die Feigen erfinden, um das Wunder der Persönlichkeit zu vernichten. Wenn je ein Mensch wagen würde, alles, was er auf dem Herzen hat, auszusprechen, sein wirkliches Erlebnis, alles, was wirklich seine Wahrheit ist, niederzuschreiben, dann, glaube ich, ginge die Welt in Trümmer, würde in Stücke zersprengt, und kein Gott, kein Zufall, kein Wille könnte je wieder die Stücke, die Atome, die unzerstörbaren Elemente zusammensetzen, aus denen die Welt bestand.
Henry Miller, 1932 (Wendekreis des Steinbocks)

Dienstag, 23. Februar 2010

Astral Travelling

On Thembi, that was the first time that I ever touched a Fender Rhodes electric piano. We got to the studio in California — Cecil McBee had to unpack his bass, the drummer had to set up his drums, Pharoah had to unpack all of his horns. Everybody had something to do, but the piano was just sitting there waiting. I saw this instrument sitting in the corner and I asked the engineer, "What is that?"
He said, "That’s a Fender Rhodes electric piano."
I didn’t have anything to do, so I started messing with it, checking some of the buttons to see what I could do with different sounds. All of a sudden I started writing a song and everybody ran over and said, "What is that?" And I said, "I don’t know, I’m just messing around." Pharoah said, "Man, we gotta record that. Whatcha gonna call it?"
I’d been studying astral projections and it sounded like we were floating through space so I said let’s call it "Astral Traveling."
(From Wikipedia.org (>>))

That's Jazz in a nutshell. That's the way you should treat the new in the world and its possibilities - curious and curageously. And the result will invariably beggar all description, in a positive way. So listen to it. Here, for example (>>).

Sonntag, 21. Februar 2010

Das große Irrenhaus der Welt

Die wichtigste Erkenntnis, die ich diese Tage hier anbringen konnte, war eine, die ich schon lange gehabt hatte, die sich aber jetzt gerade erst wieder den Weg an die Oberfläche meiner Gedanken kämpfte: Diese Welt war nichts Anderes als eine einzige, große Irrenanstalt. Es verhielt sich mit ihr sogar noch schlimmer, als ich früher gedacht hatte. Es war wirklich alles verrückt: das gesamte System war verrückt, und die Menschen, die unter und in und ihm und durch es lebten, waren ebenfalls verrückt, verrückter sogar noch als einfach nur verrückt. Ich wandelte hier in dieser Stadt, in diesem Land, auf diesem Kontinent, ja auf diesem Planeten unter Irren. Ich war selbst irre, zu einem gewissen Grad, aber weitaus weniger irre als die meisten anderen. Ich begann, mich zu heilen. Ich bemühte mich seit langem schon darum, und es war ein langsamer, schmerzhafter Prozess.

Was mich früher am Leben gehalten hatte, war die Natur um die Stadt herum gewesen, am See, der See. Was immer Schlimmes passierte, welche traurigen oder grausamen Gedanken auch meinen Geist beschäftigten, ich konnte immer an den See gehen und mir den Kopf vom unablässig wehenden Wind durchpusten lassen. Der Kosmos hielt mich angesichts der Welt, die wir Menschen geschaffen hatten, am Leben, ja er ermöglichte es mir überhaupt erst.
Hier in Berlin hatte ich keinen See, und hier in Berlin hatte ich keinen Kosmos. Hier hatte ich nur Berlin, nur den Moloch Stadt, nur die verdammte Welt und nichts sonst. Der Kosmos war weit weg, irgendwo hinter der Stadtgrenze, und auch dort nur ein armseliger solcher eingedenk der Schönheit anderer Orte, des Sees.

Ich meinerseits lebte ein verzweifeltes Leben, denn ich erkannte immer mehr vom Wahnsinn der Welt. Tatsächlich ging mein Wissen über diesen Wahnsinn weit über alles hinaus, was ich während meines Studiums gewusst oder gar geahnt hatte, und es stellte sich als schlimmer heraus als in meinen übelsten Träumen. Ich hatte schon seit langem gewusst, dass unsere Bewusstseine das Urproblem hinter allem waren, beziehungsweise unser Umgang mit ihnen, aber wie verkommen und verkorkst die ganze Welt, die ganze Gesellschaft tatsächlich waren, das wurde mit erst nach und nach klar, jetzt, zu dieser Zeit, und meine Verzweiflung wuchs mit jeder neuen bitteren Erkenntnis.

Wie lagen die Dinge nun? Ich musste mir einmal wirklich darüber klar werden, wenn ich die Puppen zum Tanzen bringen wollte. Eigentlich war ich verzweifelt, und immer mehr so, je tiefer ich in den tatsächlichen Zustand der Welt eindrang; nur brachte mich auch das verzweifelte Auf-dem-Arsch-Sitzen ja nicht wirklich voran. Wir waren hier auf diesem Planeten, in dieser Realität, ob Kosmos oder Welt, um etwas zu vollbringen, um einen Vers beizusteuern zu diesem wahnsinnigen Spiel oder gar, und das war das eigentliche, das einzig sinnvolle Ziel, um die Regeln selbst zu ändern, gemeinsam – denn dass wir neue Regeln brauchten, das stand vollkommen außer Frage, denn so, wie die Welt war, war sie wahnsinnig und konnte nicht mehr lange bestehen.

Was aber, fürs Erste ins Unreine gesprochen, den Zustand der Welt anging, so war der sogar sehr leicht zu diagnostizieren: Es ging, auf der oberen, offensichtlicheren Ebene, nur ums Geld – Geld Geld Geld Geld Geld, und die Macht, die dieses verdammte Geld mit sich brachte oder wenigstens mit sich zu bringen schien, und die die Akteure des Wahnsinns mit Glück verwechselten. Auf der anderen, der subtileren, der eigentlichen Ebene ging es natürlich um etwas ganz Anderes, von dem das Geld nur ablenken sollte – um das Leiden an sich selbst und der eigenen Existenz, von der gerade die Hauptprofiteure des Systems betroffen waren; um die Unfähigkeit von ihnen und uns allen, nicht nur im eigenen Interesse und überhaupt an mehr als nur sich selbst zu denken; und damit um das eigentliche, jahrtausendealte Rätsel: Wie konnten wir mit unserem Bewusstsein und alle zusammen gut leben; wie konnten wir dieses Bewusstsein endlich so beherrschen, wie es notwendig war?

Wir hatten noch nicht einmal an der Oberfläche gekratzt. Wenigstens hatten wir 2400 Jahre Buddhismus und 100 Jahre Psychologie, auf denen wir aufbauen konnten. Von der Psychologie sprach ich an dieser Stelle allerdings eher halbherzig. Ich kannte sie ein bisschen.

Sonntag, 31. Januar 2010

Das Goldene Blatt

Liebe Katharina Peters (>>):

Ich bin nicht soviel älter als du, deshalb gestatte bitte, dass ich dich duze. Katharina, ich habe eine schlechte Nachricht: Dein Artikelchen Indiskretes vom Gatten aus Irland (>>) ist weder indiskret noch eine Nachricht. Der verantwortlichen Chefredakteur, der dir diesen Artikel zuwies und/oder durchgehen ließ, mag in seinem SPON-gemäßen pathologischen Hass auf die LINKE mit deiner Arbeit zufrieden gewesen sein (wenn man schon nicht mehr behaupten kann, dass die Sahra mit dem Lafo, nicht wahr, weil Krebs und so); doch alles in allem ist selbst SPIEGEL Online die falsche Postille für derlei hanebüchene Firlefanz. Ich meine, hey, manchmal versucht sogar dein Laden noch, sowas wie Nachrichten zu verkaufen. Ich weiß, selten, aber es soll vorkommen.
Für deine weitere Arbeit und folgende
Epistel dieser Sorte empfehle ich dir daher wahlweise das Goldene Blatt (>>) oder die Gala. Macht sich im Lebenlauf sicher auch ganz toll und entspricht inhaltlich auch eher der Güte des Vorliegenden.
Habe die Ehre.

- - - - -

(Und wo wir gerade bei halbgarem Unsinn sind: "kgp", na, das klingt ja fast wie KGB, nicht wahr, also was sich der linksphobische Chef da denkt... Ginge da denn keine andere Mittelinitiale? Wie hältst du's denn eigentlich mit der Mauer?)

Samstag, 30. Januar 2010

Leistung - "Es gibt kein gerechteres Kriterium"

Wenn es kein gerechteres Kriterium als dieses gibt (>>), Frau Schavan, sollten Sie sich vielleicht einfach verpissen. Das wäre wenigstens einmal konsequent. Denken Sie drüber nach.

Wer in diesem Bildungssystem die sogenannte "Leistung" erbringen kann, hat in seinem Leben meist schon sowieso vermehrt bildungsbezogene Zuwendung erfahren - der Sohn des Akademikers hat einfach eine andere Startposition für den Bildungsweg als der Sohn des Hartz-IVlers. Dass man diesen Sachverhalt nach zig PISA-Studien ausgerechnet der Ministerin für Bildung und Forschung (!) noch vorbeten muss, sagt über diese Dame genug aus, denke ich.

Setzen, Frau Schavan, Sechs. Nicht versetzt, nicht lernfähig, nicht kritikfähig - ich empfehle Sonderbeschulung. Wofür haben wir denn unser wunderbares mehrgliedriges Schulsystem?

Mittwoch, 6. Januar 2010

"25 deutsche Kriegsbilder" - geht's noch?!?

Immer wenn man dachte, es ginge nicht mehr schlimmer, setzten sie noch einen drauf. Meistens kamen diese Schmutzfinken vom SPON, so auch jetzt wieder (>>). Das neueste Glanzstück dieser BILD-Postille für Arme trug die beherzte Überschrift "25 deutsche Kriegsbilder", und ich dachte mir, geht's noch?

Neues von der Ostfront, demnächst mit Sammelbildchen von Panini! Adoptiere einen aufrechten deutschen Soldaten, der, von "Aufständischen" und Taliban feige attackiert, treu wie Hasso und zäh wie Kruppstahl seinen Dienst versieht! Eine solche Scheiße hätte ich in einer Postille der NPD erwartet, aber nicht bei SPON, noch immer nicht. Von Konzepten oder Perspektiven hingegen keine Spur, nicht ein Hinweis darauf, dass unsere Kanzlerinnen-Darstellerin und ihre Kollegen von der Laien-Truppe nicht einen Schimmer hatten, was wir da eigentlich machten, was sie erreichen wollten und konnten und wie und wann die Soldaten wieder zurück nach Deutschland in ihre Kasernen kommen würden, nein, alles, was SPON im Angebot hatte, waren heroisch-lauschige Bildchen vom tapferen deutschen Landser an der Ostfront, diesmal noch hinter Moskau.

Highlight aus dem Artikel der SPON-Wehrkraftunterstützer übrigens (von den Bildunterschriften gar nicht zu reden):
Die Zeit der reinen Selbstverteidigung ist vorbei. Von "kriegsähnlichen Zuständen" spricht selbst Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.
Als ob unser GröVaZ mit den gegelten Haaren eine andere Wahl hätte. "Spricht selbst"! Please! Manchmal war sogar ich erstaunt, für wie dumm der SPIEGEL seine Leser hielt.

- - - - -

Ein frohes neues Jahr übrigens allen sporadischen Lesern! All den Umständen zum Trotz.

Freitag, 18. Dezember 2009

Helft euch selbst, dann hilft euch Gott

Es war etwas dran an diesem Spruch, nachdem in dieser Gesellschaft und in diesem Land langsam keiner mehr Verantwortung für einen anderen als sich selbst übernehmen wollte - nicht der Staat, nicht die Politiker, nicht die Besitzenden und nicht die Führungskräfte, und auch sonst keiner mehr. Die bestehenden Strukturen liefen immer mehr ins Leere, und noch war nichts an ihre Stelle getreten - bisher.

Was wir aber eigentlich brauchten, was den neuen Strukturen zugrunde liegen mussten, war ein neues (altes) Verständnis von Solidarität und Gemeinschaft. Wenn die Menschen wieder füreinander einstanden, wenn gegenseitiges Vertrauen und Achtung wieder zu einer Währung wurden anstelle des (oder neben dem) schnöden Mammon, dann konnte eine andere Kultur wieder wachsen, auch hierzulande, eine Kultur, die auf Opportunismus, Plutokratie und Macht um der Macht willen verzichtete, und die am Ende gar den beteiligten Menschen dienen und nützen konnte. Und was für ein Schock wäre das wohl!

Ein erster Schritt: Raus aus der Lohnsklaverei und der (ökonomischen) Fremdbestimmung, und die Dinge, sprich die eigene Arbeit, selbst in die Hand nehmen. Zwei wunderbare Beispiele gab es hier (>>) und hier (>>). Wenn wir weiter auf Hilfe von oben, unten oder seitlich warteten, dann gute Nacht. Man musste ja nur nach Kopenhagen schauen (>>) um zu sehen, dass es in Politik und Wirtschaft um vieles gehen mochte, aber nicht um Logik, nicht um systemisches Denken, und nicht um die größtte Wohlfahrt für die größtmögliche Zahl, sondern um Macht und Geld, vorzugsweise für die, die sie ohnehin schon hatten.

Eine andere Welt war möglich, wie es so schön hieß. Sie begann mit jedem einzelnen.

Montag, 14. Dezember 2009

Koch muss zurücktreten

Aus der FR (>>), einer der letzten Zeitungen dieses Landes, für die das Wort "Pressefreiheit" noch mehr war als ein bloßes Lippenbekenntnis:
FR: Der Finanzminister sagt, die Verwaltung habe richtig gehandelt.

Wilhelm Schlötterer: Ich habe in 30 Jahren im bayerischen Finanzministerium einiges erlebt und bin nicht leicht zu erschüttern. Aber dieser Fall ist unfassbar. Gleich vier Steuerfahnder einer Gruppe wurden für verrückt erklärt. Das kann niemals mit rechten Dingen zugegangen sein. Es ist evident, dass hier kriminelle Methoden angewandt wurden. Ich bin entsetzt, dass so etwas in einem Rechtsstaat möglich ist. Da läuft es einem kalt den Rücken herunter. Den Beamten wurde Paranoia bescheinigt - als ob das eine ansteckende Krankheit wäre. Ich kann es einfach nicht begreifen, dass so etwas möglich ist.

FR: Der Gutachter ist ja dafür verurteilt worden.

WS: Der Gutachter ist doch nur das letzte Glied in der Kette. So etwas würde auch kein Behördenleiter oder die Oberfinanzdirektion alleine ins Werk setzen. Das muss vom Finanzminister und vom Ministerpräsidenten persönlich entschieden worden sein - anders ist das in einer Verwaltungshierarchie gar nicht möglich. Koch und Weimar sind dafür politisch und rechtlich verantwortlich. Koch wurde ja wiederholt angeschrieben, gab aber keine Antwort. Das ist rechtswidrig, denn der Ministerpräsident muss Petitionen und speziell Dienstpetitionen von Beamten beantworten - hier handelt es sich also um eine doppelte Rechtswidrigkeit.

FR: Ist es vorstellbar, dass Koch nicht informiert wurde?

WS: Nein, ein Ministerpräsident schwebt nicht über solchen Dingen, er ist der bestinformierte Mann des Landes, ihm wird alles vorgelegt. Er hätte handeln müssen. Man kann den Fall gar nicht dramatisch genug sehen: Da sollten vier Menschen den bürgerlichen Tod sterben, persönlich vernichtet werden. Weimar und Koch können nicht so tun, als ob ihnen das nicht glasklar gewesen wäre. Dieser Gutachter hatte ein Gefälligkeitsgutachten zu erstellen. Selbst wenn Weimar und Koch das leugnen, trifft sie die Schuld dafür. Der Rücktritt von Koch und Weimar ist unumgänglich, wenn Verantwortung in Hessen noch irgendeinen Sinn haben soll.
Wenn Deutschland eine Bananenrepublik war, dann war Hessen der Abgrund derselben. Dieser Staat war am Ende, und wenn er's noch nicht war, dann war Hessen es auf jeden Fall.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Er ist tot.

Zeit wurde es. Hätte Otto Graf Lambsdorff seine Schüler doch mitnehmen können, die unsere Welt in seinem Sinne weiter zugrunde richteten.
Ein informativer Nachruf fand sich hier (>>).

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Finanzkrise: Ein Mann sieht rot

...und das zu Recht. Zu dem, was Robert von Heusinger in der FR sagte (>>), war nichts mehr hinzuzufügen, aber auch gar nichts.

Ich hoffte bei Gott, dass jemand die Mischpoke unserer Volks"vertreter" und jene, die von der allgemeinen Regellosigkeit profitierten, zur Verantwortung ziehen würde, wenn es soweit wäre. Warum nicht gleich jetzt eigentlich. Ich fürchtete nur, dass wir das selbst würden tun müssen. L'état, c'est nous!

Im Moment war dieser Staat allerdings nicht mehr als eine beliebige Bananenrepublik: Außen schwarz-gelb, innen schon verfault. Man musste nur bei Roland Koch und seinen Liebesdienern nachfragen, wenn man es genauer wissen wollte (>>).

Sonntag, 6. Dezember 2009

Verdummungswarnung: Professor ohne Ahnung, ohne Aufrichtigkeit

Professor Doktor Gerhard Schulze verbreitete in der WELT seine bescheidene Meinung zum Klimawandel (>>). Er war Soziologe. Damit mochte er gut aufgestellt sein, um etwas über die Gesellschaft zu sagen. Der Klimawandel hingegen gehörte vermutlich nicht zu seinen Kernkompetenzen. Das war erstmal nicht schlimm. Ich war ja auch nur ein Psychologe und kein Klimaforscher. Ernst wurde es erst dann, wenn man mit seinem legitimen Nichtwissen nicht umzugehen wusste – und in dieser Kategorie war Herr Schulze ein Musterbeispiel, Doktor hin und Professor her. Tatsächlich war der Artikel in der WELT so schlecht, dass ich ihn hier mit Freude sezieren wollte als Beispiel für unlauteren Journalismus und, nein, nicht schlechte Wissenschaft, sondern absolute Unwissenschaftlichkeit per se. Schade drum. Von einem Professor für Empirische Sozialforschung sollte man Besseres erwarten können. Aber sei’s drum. Man sollte, bei Licht besehen, auch von Bundeskanzlern und gewählten Volksvertretern Besseres erwarten können. Man tat’s aber nicht mehr, und man hatte seine Gründe.

Herr Schulze begann mit einer großen Gesamtschau:
In den Gewässern Europas kann man unbesorgt baden, verspricht der Badegewässerbericht der Europäischen Kommission von 2007. In der ehemaligen Chemiekloake Bitterfeld trifft man auf Erholung suchende Touristen. Sogar im Ruhrgebiet hat die Luft beste Kurortqualität. Das Waldsterben ist ausgeblieben. Die Sahara dehnt sich nicht mehr aus, an ihren Rändern wachsen neue Bäume, die Wüste ergrünt. Es ist etwas wärmer geworden auf der Welt, und das ist auch gut so! Warmzeiten waren erdgeschichtlich immer gute Zeiten: Reiche Ernten, Artenvielfalt, mehr Fortschritt und ein leichteres Leben für alle.
Leider hatte das erstere mit dem letzteren nichts zu tun. Garnichts. Die Gewässerqualität Europas hängt nicht an einer Erwärmung, sondern an Kläranlagen, am Umweltschutz also. Gleiches gilt für Bitterfelder und ruhrgeb
ietliche Erholungsluft, und das Ausbleiben des Waldsterbens. Hier waren es der Niedergang der Stahl- bzw. Chemieindustrie und die Einführung des Katalysators, aber nicht die globale Erwärmung. Die Sahara dehnte sich übrigens noch immer aus. Und die Bäume, die dort dennoch wuchsen, wuchsen nicht aus einer Laune der Natur und weil es dort so schön warm war, sondern weil die Menschen dort versuchten, der fortschreitenden Desertifikation Einhalt zu gebieten (>>). Sie waren von Menschen gepflanzt, diese Bäume, nicht vom guten Wetter.
Nach all d
iesen falschen Pseudobeispielen, die seine folgende Aussage stützen sollten, dies aber nicht taten, schloss Herr Schulze (für die bessere Wirkung hier wiederholt) mit den Worten:
Es ist etwas wärmer geworden auf der Welt, und das ist auch gut so! Warmzeiten waren erdgeschichtlich immer gute Zeiten: Reiche Ernten, Artenvielfalt, mehr Fortschritt und ein leichteres Leben für alle.
Genau, richtig doch! Einen Platz an der Sonne für jeden! Wen interessierten schon die klimatischen Folgen für Ernten in Indien und China oder irgendwo in Afrika! Please! Hier gab es ja genug zu essen und zu trinken. Sonnenschein und ein kühles Bier, so mochte auch der Herr Soziologe seinen Sommer am liebsten! Aber weiter im Text.

Immerhin gab Herr Schulze seine Unbelecktheit in diesem Thema zu:
Wie kann ein einfacher Soziologe den Klimawandel herunterspielen, wo wir doch Milliarden dafür ausgeben, ihn endlich in den Griff zu bekommen? Will er als ahnungsloser Laie etwa abstreiten, dass die Malediven im Meer versinken, die Polkappen schmelzen und die ganze Welt sich langsam in einen Glutofen verwandelt?
Ein ahnungsloser Laie, sehr richtig. Si tacuisses, philosophus mansisses. Leider hielt die Bescheidenheit nicht lange an, sondern schlug unversehens um in einen weiteren Versuch, den existierenden Konsens über globale Erwärmung und ihre Realität ins Lächerliche zu ziehen:
Wenn wir nicht endlich etwas tun, werden Monsterwellen New York unter sich begraben, da sind besorgte Filmemacher und Experten sich einig. Der Mensch killt die Erde, weil er eine Industrie betreibt, weil er Auto fährt, Städte bewohnt, Fernreisen macht, Wohnungen heizt und Glühbirnen benutzt.
Nein, Filmemacher und Experten waren sich da nicht einig. Roland Emmerich hätte wohl zugestimmt, aber den Experten einen solchen Stuss in den Mund zu legen, war mindestens unredlich, und im Übrigen schlichtweg falsch, man konnte auch sagen: eine Lüge. Der Rest des Absatzes entsprach hingegen vermutlich den Tatsachen, denn was Herr Schulze da aufzählte, war nun einmal das, was man landläufig „Zivilisation“ nannte und mit sogenannten Klimagasen (vulgo CO2) zusammenhi
ng, und das war, wiederum im Konsens jener Wissenschaftler, die sich damit auskannten, einer der Gründe für den Klimawandel.

Der folgende Abschnitt entlarvte Herrn Schulze endgültig als einen, der entweder keine Ahnung hatte oder, schlimmer noch, eine solche sein eigen nannte, sie wider besseres Wissen aber für sich behielt:
Jeder einigermaßen kluge Kopf kann sich an einem Wochenende mit dem Hauptargument der Klimaschützer vertraut machen. In den letzten 150 Jahren hat sich der CO2-Gehalt der Luft von 0,028 auf 0,038 Prozent erhöht, also um etwa 0,01 Prozent der Atmosphäre. Auf die Frage, warum eine so winzige Menge Bedeutung haben soll, gibt uns die Chaostheorie eine fast schon volkstümliche, wegen ihrer Poesie allseits beliebte Antwort: Weil der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Taifun auslösen kann.
Wer immer wenigstes ein wenig von Chaostheorie verstand, dem war der Ausdruck des „Tipping Points“ (frei übersetzt als „Umschlagpunkt“) ein Begriff. Wenn man davon nichts wusste, dann vielleicht wenigstens Dinge wie exponentielle Funktionen und exponentielles Wachstum, wovon man als Professor für Empirische Sozialforschung wenigstens schon einmal etwas gehört haben sollte, im Vorübergehen gewissermaßen. Um solche handelte es sich hier nämlich, bei diesen „lächerlichen“ Mengen von 0,01 Prozent der atmosphärischen Gase. Mit Schmetterlingen und ihren Flügelschlägen hatte das nichts zu tun, außer man wollte den Problemkomplex als Ganzes ins Lächerliche ziehen; e
her mit natürlichen CO2-Senken und deren Erschöpfung.

95 Prozent des Kohlendioxids in der Erdatmosphäre waren nicht menschengemacht. Sie waren vielmehr der „natürliche“ Umschlag dieses Gases, freigesetzt durch Flora, Fauna und Geologie (Vulkane beispielsweise). Die anderen fünf Prozent waren das Problem, denn diese kamen von uns, durch Industrie, Verkehr und Landwirtschaft. Für die Einfachheit des Arguments sei an dieser Stelle angenommen, dass sie linear waren, also jedes Jahr mehr oder minder fünf Prozent hinzu kamen. Diese fünf Prozent sammelten sich an, denn
sie blieben in der Atmosphäre. Die natürlichen CO2-Senken, also jene Orte, in denen die „natürlich“ erzeugten 95 Prozent des CO2s endeten, waren für sie nicht ausgelegt. Wälder und Ozeane konnten nur soviel Kohlendioxid aufnehmen, irgendwann war Schluss – besonders, wenn man die Wälder nach wie vor abholzte, anstatt sie zu erhalten, aus welchen Gründen auch immer. Wenn man nun zu einem System Jahr um Jahr fünf Prozent von etwas hinzufügte, so sah das dann aus:

Das nannte
sich eine Exponentialfunktion. Herr Schulze hatte sicherlich schonmal von so einer gehört. Wenn man sich entsprechend die Entwicklung des menschengemachten Kohlendioxidanteils in der Atmosphäre dachte, war das noch der Flügelschlag eines Schmetterlings? Oder nicht eher ein Schlag mit dem Vorschlaghammer?

Auch andere Faktoren, also sozusagen andere Schmetterlinge verändern seit Jahrmillionen das Klima, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr, aber man weiß es nicht genau. Das Klimageschehen ist komplex und weitgehend unerforscht. Das ist jedem bekannt, der sich mit der Materie beschäftigt. Trotzdem bleiben beim Klimaschutz alle Faktoren außer CO2 unberücksichtigt. Warum ist das so?
Auch hier offenbarte Herr Schulze vor allem anderen eine hervorragende Unkenntnis verfügbarer Quellen. Ja, es gab andere Faktoren. Doch, man wusste bereits einiges darüber. Ja, das Klimageschehen war komplex (man denke nur an den täglichen Wetterbericht, oder gar die -vorhersage). Und nein, es blieben nicht alle anderen Faktoren unberücksichtigt.
Zum CO2 an dieser Stelle aber erst folgendes: Kohlendioxid war einfach eines der potentesten Treibhausgase, die es in der Atmosphäre gab. Vom Wasserstoff gab es mehr, aber der stammte nicht von uns Menschen; Methan und Ozon waren stärkere Treibhausgase, aber in der Menge (noch) im direkten Vergleich verschwindend gering. Der CO2-Gehalt der Erdatmosphäre hingegen entwickelte sich laut Datenlage wie folgt:
Die CO2-Konzentration in den letzten 10.000 Jahren blieb relativ konstant bei 280 ppm. Die Bilanz des Kohlenstoffdioxidkreislaufes war somit in dieser Zeit weitgehend ausgeglichen. Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg der CO2-Anteil in der Atmosphäre auf bislang 385 ppm (2008). In den Jahren von 1960 bis 2005 stieg der CO2-Anteil im Mittel um 1,4 ppm pro Jahr. In den 10 Jahren von 1995 bis 2005 betrug die jährliche Anstiegsrate 1,9 ppm. Einer Untersuchung des Global Carbon Projects aus dem Jahr 2008 zufolge ist in den Jahren 2000 bis 2007 der CO2-Ausstoß viermal schneller gestiegen als noch im Jahrzehnt davor.
(Quelle: Wikipedia)
Zusammengefasst: Der CO2-Gehalt stieg. Das Gas wurde von uns in signifikanten Mengen produziert. Die natürlichen Kohlenstoff-Senken konnten es nicht aufnehmen. Es akkumulierte in der Atmosphäre. Der Planet wurde langsam, aber sicher (und exponentiell) wärmer. Also warum zum Kuckuck sollte man nicht versuchen, den CO2-Ausstoß zu regulieren? Mein Gott, sogar Schulze kapierte das, wenigstens das:
Eine Antwort ist: Der Mensch kann die anderen Faktoren, zum Beispiel Sonne, Wolken, Schnee oder kosmische Strahlung, nicht beeinflussen. Was er beeinflussen kann, ist der CO2-Ausstoß - den Flügelschlag eines Schmetterlings im komplexen Klimasystem der Erde.
Yeah, und es war kein Schmetterling, sondern ein Vorschlaghammer. Also warum nicht das Ding nehmen und beiseite legen, anstatt eine Wand nach der anderen einzuhauen? Ja, warum eigentlich nicht?
Die vermessene Idee, um beinahe jeden Preis die globale Durchschnittstemperatur regulieren zu wollen, enthält drei Grundannahmen, die mir nicht einleuchten.
Erstens: Wir verursachen den Klimawandel, also können wir ihn auch wieder abstellen. Was ist in diesem Fall mit den anderen Faktoren, die eine Rolle spielen? Auch sie sind, um im Bild zu bleiben, Schmetterlinge, die mit den Flügeln schlagen. Halten die alle still, nur weil wir die Welt retten wollen?
Die Argumentation als solche war Unsinn: Welchen Sinn hatte es, das Steuer eines Wagens herumzureißen, um an einem entgegenkommenden Baum vorbeizusteuern, wenn auf den Straßen andere Fahrzeuge, Lastwagen gar, unterwegs waren, die wir nicht beeinflussen und die uns jederzeit rammen und ums Leben bringen konnten? Tja, wozu überhaupt noch handeln? Tatsache war, dass der Anstieg der CO2-Konzentration und die Realität der globalen Erwärmung wissenschaftlicher Konsens waren, und dass es Mittel und Wege gab, dagegen anzugehen. Besser als das wurde es nicht. Mehr Sicherheit konnte man nicht erlangen, und nur deshalb gegen eine erkannte Gefahr nicht vorzugehen, weil es noch viele andere gab und diese vielleicht auch ihre Finger im Spiel hatten, war Unsinn. Es war sogar mehr, es war zutiefst fahrlässig. Und auch für fahrlässige Tötung konnte man in den Knast gehen.
Zweitens: Wer die Klimaerwärmung seit Beginn der Industrialisierung pathologisch nennt, muss eine Vorstellung davon haben, was normal ist. Was ist ein normales Klima? Diese Frage muss offenbleiben, denn normal ist nur eines: Das Klima ändert sich fortwährend. Seit Jahrmillionen, auch ohne menschengemachtes CO2.
Auch das war so irrelevant, wie es richtig war. Sicherlich änderte sich das Klima fortlaufend. Im Devon-Zeitalter war es lauschig warm, im Pleistozän eher kalt. Im einen von beiden zu leben würde allerdings keinen großen Spaß machen. Der Verweis auf natürliche Klimavariation war Unsinn, denn um diese ging es hier nicht: Es ging vielmehr um die Möglichkeit, 6,8 Milliarden Menschen recht und schlecht überleben zu lassen, und wenn man diesen Ansatz zugrundelegte, dann nützten Klimavarianz und Konsorten gar nichts, dann musste man zusehen, dass der Meeresspiegel bleib, wo er war, im Großen und Ganzen zumindest, und genügend Nahrung zur Verfügung stand (was schon wieder ein ganz anderer und ebenso schlimmer Problemkomplex war). Aber so zu tun, als könne man sowieso nichts machen, war wiederum nichts Anderes als fahrlässig oder zumindest faul, und von beidem hatte keiner was, nicht einmal der Faule selbst.
Drittens: Trotz aller Freiheiten, die das Klima sich nimmt, haben viele Klimaschützer einen ganz bestimmten Bezugspunkt, und das ist die Zeit vor Beginn der Industrialisierung. Damals, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, endete in Europa die vorläufig letzte Kaltperiode, die sogenannte Kleine Eiszeit. An ihr scheiterte die Expedition Sir John Franklins auf der Suche nach der Nordwestpassage, von ihr erzählt die Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie sorgte in ganz Europa für Hunger und Not. Die Winter waren lang und kalt, die Sommer verregnet, die Ernten schlecht. Vor dieser Eiszeit begünstigte eine lang andauernde Warmzeit die Geschicke Europas. Sie brachte eine nie da gewesene kulturelle und wirtschaftliche Blüte, sie erlaubte bis in den hohen Norden hinauf den Weinbau und andere Annehmlichkeiten. Würden Klimaschützer diese Warmzeit in ihr Normalitätsmodell mit einbeziehen, hätten wir kein Problem. Es wäre nicht wärmer, als es schon einmal war, und niemand müsste sich Sorgen machen.
Die Kleine Eiszeit als globale Erscheinung war mittlerweile umstritten, umstrittener jedenfalls als die globale Erwärmung. Wen es genauer interessierte, der mochte auf Wikipedia nachlesen (>>). Aus der Perspektive der Nordhalbkugel war wärmer sicherlich ganz toll: Wein für alle, schneefreie Winter und Kulturelle Blüten! Wie großartig. Was Herr Schulze geflissentlich ausblendete, waren die vorliegenden Daten, die als solche nicht disputabel waren:
Seit wenigstens 650.000 Jahren lag der Anteil jedoch immer unterhalb von 280 ppm. Die CO2-Konzentration in den letzten 10.000 Jahren blieb relativ konstant bei 280 ppm. Die Bilanz des Kohlenstoffdioxidkreislaufes war somit in dieser Zeit weitgehend ausgeglichen. Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg der CO2-Anteil in der Atmosphäre auf bislang 385 ppm (2008).
(Quelle: Wikipedia)
Das CO2 war da. Sein Anstieg fiel mit der Industrialisierung zusammen. Es wurde mehr. Wir kannten den verdammten Mechanismus des Triebhauseffekts, und man konnte extrapolieren, wie sich die Temperaturen verändern würden. Das bedeutete nicht nur Wein in Schweden, es bedeutete auch schmelzende Gletscher, schmelzendes Eis an den Polarkreisen, auftauende Tundra-Permafrostböden, freigesetzt werdendes Methan (ein Treibhausgas, gegen das CO2 ein billiger Witz war), steigende Meeresspiegel, all solche Dinge. Aber Hauptsache, Europa hatte es warm und gemütlich. Mir fehlten die Worte angesichts solcher Unverfrorenheit.

Der von den Klimaschützern erwartete dramatische, unheilvolle, katastrophale Klimawandel beruht auf Prognosen, Computersimulationen und einer selektiven Auswahl von CO2-Messwerten, wie Kritiker ebenfalls beklagen.
Worauf sollten sie denn sonst beruhen, Himmelherrgott? Sollten wir warten, bis die Hütte unbestreitbar brannte, bevor wir uns Gedanken über die Feuerwehr machten? Benutzten Sie Ihr Hirn, Schulze! Es befand sich vermutlich irgendwo zwischen Ihren Ohren!
Mithilfe solcher spekulativen Daten wird dann zum Beispiel vorausgesagt, dass die Malediven demnächst im Meer versinken. Aktuell sind sie jedoch nicht vom Untergang bedroht, da der Meeresspiegel viel geringfügiger ansteigt als vorausgesagt. Auch der Klimawandel selbst macht seit einigen Jahren eine Pause, es wird nicht mehr wärmer.
Wieder das gleiche: Weil ich es jetzt nicht sehen kann, wird es auch in der Zukunft nicht eintreten. Das war lineares Denken, und es war einer der größten denkbaren logischen Kurzschlüsse. Was kümmerte mich die Sintflut morgen! War doch hier und jetzt noch alles in Ordnung mit dem verdammten Ding! Die Malediven gingen jetzt nicht unter, also würden sie es auch morgen nicht tun. Wer wollte einer solchen Logik widersprechen?
Das Argument mit der angeblichen Pause des Klimawandels war hingegen schon so oft wiedergelutscht worden, dass man annehmen sollte, inzwischen hätte sich herumgesprochen, dass nichts daran war. Aber als Strohmannargument diente es offenbar noch immer vorzüglich. Die vollständige Widerlegung des Pseudoarguments gab es hier auf RealClimate (>>).
Trotz aller berechtigten Zweifel an der Idee des Klimaschutzes findet ein Diskurs nicht statt. Aber wie lange noch lässt sich eine Diskurskultur fortführen, in der Skepsis beschimpft und offen gefragt wird, ob Demokratien überhaupt geeignet sind, den Herausforderungen des Klimaschutzes zu begegnen?
Die „berechtigten Zweifel“ waren, wie wir gesehen hatten, unberechtigt. Ein Diskurs fand statt: ein Blick in die entsprechenden Journals und Veranstaltungen sollte genügen, um das zu erkennen. Skeptiker wurden nicht beschimpft, sondern durften offenbar sogar in der WELT publizieren. Und die Frage nach der angeblichen Eignung oder Nicht-Eignung von Demokratien war reine Augenwischerei, dazu gedacht, den Diskurs aus dem Bereich wegzunehmen, wo der Autor Schulze verlieren musste, nämlich dem Reich der Fakten, und ihn ins wertend-politische zu überführen, wo man weiterhin hervorragend um den heißen Brei reden konnte. Kein Klimaforscher forderte eine Klima-Diktatur, und nicht einmal der kleine Mann auf der Straße. Das war alles, was es zu diesem Phantasiegebilde Schulzes zu sagen gab.

Ich kürzte nun ein bisschen ab, neue Argumente von Seiten Herrn Schulzes kamen sowieso nicht mehr. Er endete schließlich mit den pathetischen Worten:
Wir sind die Geldgeber, und wir sind das Volk. Und je mehr auf dem Spiel steht, je mehr man uns abverlangt, desto mehr sind alle Beteiligten, also Wissenschaftler, Politiker und ihre Wähler zum Diskurs verpflichtet. Dieser findet jedoch nicht statt. Noch tragen wir brav alle Anstrengungen mit, aber die Anzeichen verdichten sich, dass wir unser gutes Geld für eine fixe Idee ausgeben. Es spricht alles dafür, dass das Klima bleibt, was es immer war: ein sich selbst regulierendes System.
Ach wie hehr, und ach wie edelmütig. Nochmal: der Diskurs fand statt (beispielsweise hier (>>) ). Auf Politiker und Wähler zu verweisen, hatte wenig Sinn, denn das Problem gestaltete sich insgesamt folgendermaßen: Die Wissenschaft stellte fest, anhand der wissenschaftlichen Methode (>>), die das Beste war, was wir hatten und jemals gehabt hatten, dass die Temperatur stieg. Global. Ebenso wie der CO2-Gehalt der Atmosphäre. Sie überlegte sich, was das bedeuten und nach sich ziehen könnte, und die Folgen waren nicht so toll (siehe oben). Also schlugen sie Alarm, wie der Hahn auf dem Mist. Aufgabe erledigt. Das war es, wozu Wissenschaft da war: die Realität zu untersuchen und systematische Zusammenhänge zu erkennen. Sie war nicht da zum Kaffeekochen, nicht zum Wäscheaufhängen und auch nicht für die politischen Entscheidungen. Sie war dazu uns zu sagen, wie die Realität möglicherweise aussah und was auf uns zukam. Für die Entscheidungen waren wir zuständig, das Volk, und die Flaschen, die wir gewählt hatten. Was aber machten die und wir? Wir führten folgende Diskussion:
„Ach nö, die ist ja scheiße, die Vorhersage. Die stimmt doch sicher eh nicht“, „Mein Onkel/Schwippschwager/Freund eines Freundes meint, dass das sowieso nicht stimmen kann (eigentlich: darf)...“, „Und dann nich mehr Auto fahren oder was?“, „Belastungen der deutschen Industrie sind mit mir nicht zu machen“, und so weiter und so fort.
Sicherlich, wir konnten uns dafür entscheiden, und falsch zu entscheiden. Scheiß aufs Klima, scheiß auf den Rest der Welt, war ja alles nicht erwiesen (wenn man sich dafür entschied, die Fakten zu ignorieren), Rotwein für alle, auch in Schweden, und weiter wie bisher! „Nach uns die Sintflut!“ – und vermutlich ahnte wieder mal keiner, wie Recht er oder sie damit letztendlich haben würde...
Das Klima war nämlich ein selbstregulierendes System, sicherlich - nur leider nicht mit einem anthropozentrischen Balancepunkt. Auch zu Zeiten der Dinosaurier war es hier auf Erden gemütlich - für die Dinosaurier.

Artikel wie dieser Essay Gerhard Schulzes leisteten einen wertvollen Beitrag zu dieser sich der Realität verschließenden Realitätsauffassung (>>). Im Nachgang muss man jedenfalls feststellen: Herr Schulze hatte sich entweder
a) einen Scheißdreck um das Eruieren der vorliegenden Fakten gekümmert, dann ließ er jegliche Sorgfaltspflicht vermissen, um ein Tendenzstück zu konstruieren, oder
b) die Fakten zwar erkannt, sich aus persönlichen oder politischen Gründen jedoch dafür entschieden, sie zu ignorieren und das Gegenteil zu propagieren.
Beides war, gelinde gesagt, unlauter und unverantwortlich. Schulze hatte einen einzigen Strohmann-Artikel geschrieben, und kaum eines seiner "Argumente" entsprach der Wahrheit, er drehte sie nur immer so, wie er sie gerade brauchte. Verdummung war für diesen Essay noch gar kein Ausdruck. Aber er stand ja auch in der WELT.